Siddhartha

Das Kind Siddhartha, der eine Art Schlüsselfigur für den Anfang einiger unserer Projekte steht, der mit namensgebend für den Verein „Siddhartha – Hilfe für Nepal“ war, begleitet uns mit seinem Schicksal:
Im Herbst 2000 begegnete ich Siddhartha im „Technical Skill and Development Centre for the Blind and Disabled”. Seine Eltern kamen mit der Bitte um eine Schulmöglichkeit für ihren damals knapp 4-jährigen Sohn. Siddhartha litt an einem Tumor im Rückenmarkskanal der Wirbelsäule mit inkompletter Querschnittssymptomatik. Eine Einschulung war damals auch über die integrative Schule des „TSDCBD“ nicht zu denken, dafür konnte Siddhartha medizinisch geholfen werden.
Durch die erste Spendenaktion in Deutschland konnten in zwei Physiotherapie Praxen und einer Leipzig Realschule die finanziellen Mittel gesammelt werden.
Die äußerst schwierige Operation fand auf der neurochirurgischen Abteilung des
„Bir Hospitals“ in Kathmandu statt. Die Zeit vor der Operation war von vielen Tiefs durchsetzt: der Tumor in der Wirbelsäule des Kindes war seit der letzten Untersuchung stark gewachsen so dass die Operation zu einer großen technischen Schwierigkeit und zu einem großen Risiko wurde. Dennoch entschieden Eltern und Ärzte den Schritt zu wagen. Die Operation nicht zu wagen hätte bei einem nach oben wachsenden Tumor zu einer langsam zunehmende Lähmung bis hin zur Atemlähmung geführt und letztlich den Tod bedeutet. Die Operation im Frühjahr 2001 war ein Erfolg: der Tumor konnte vollständig entfernt werden.
Siddharthas großes Glück war, dass dieser „nur“ dem Rückenmark auflag und nicht in dieses infiltriert war. So war die gesamte Neurologie erhalten und die Hoffnung darauf, dass Siddhartha eines Tages wirklich zur Schule GEHEN kann groß. Begleitet von vielen guten Wünschen, Briefen und Teddies vor allem von den Kindern der Paul Robeson Mittelschule Leipzig verbrachte Siddhartha die Zeit im Krankenhaus. Ich selber betreute ihn in dieser Zeit physiotherapeutisch. Aus meinen Erfahrungen mit der fehlenden Physiotherapie auf dieser Station entstand die Idee PhysiotheraoeutInnen auf die neurochirurgische Abteilung des Bir Hospitals zu vermitteln.
Siddhartha konnte langsam mobilisiert werden. Er begann seine Beine zu bewegen und machte die ersten Stehversuche in einem selbstgebauten Stehtrainer.
Nach einigen Monaten des Übens, unglücklicherweise begleitet von einem Beinbruch, konnte sich Siddhartha mit Hilfe eines Gehbänckchens einige Meter alleine fortbewegen.
Im November 2001 wurde dann Siddharthas großer Traum von der Schule erfüllt!
Er wurde mit knapp 5 Jahren in die erste Vorschulklasse der „Suryodaya School“ in Maitidevi, Kathmandu eingeschult.
Das Schulsystem in Nepal basiert auf englischem Vorbild: es gibt 3 Vorschulklassen - nursery, lower kindergarten und upper kindergarten, erst dann geht es in die erste Klasse. Im Gegensatz zu Deutschland wird in dem sogenannte Kindergarten wirklich schulisches Wissen vermittelt – Nepalesisch und Englisch in Schrift und Sprache, Mathematik und Sachkunde.
Mit Siddharthas Einschulung entschlossen sich die Kinder der Paul Robeson Mittelschule in Leipzig, die Siddharthas Operation und Rekonvaleszenz mit großer Spannung und Interesse verfolgt hatten, eine Patenschaft für Siddhartha zu übernehmen und so seine schulische Ausbildung zu sichern.
Eine damals fünfte, inzwischen achte Klasse übernahm die Verantwortung des Projektes, hielt den Kontakt zur „Siddhartha – Hilfe für Nepal“ und zu Siddhartha selber und organisierte, dass jeden Monat eine andere Klasse der Schule für Siddharthas Schulgebühren aufkam. Die Aktionen sind vielfältig: Bazare werden organisiert, Kuchen gebacken, Theaterstücke aufgeführt.
Für die Leipziger Kinder ein sehr besonderes Projekt das sie teilhaben lässt an einer anderen, sehr fremden Kultur und an dem Schicksal eines kleinen Jungen.
Und auch für Siddhartha und seine Familie ein sehr besonderer Kontakt: sie erfahren das Interesse und Engagement von Kindern, die in einer anderen Welt zu Hause sind, die Siddharthas Schulgebühr nicht aus einem reich gefüllten Geldbeutel sondern von ihrem knappen Taschengeld bzw. durch kreative Aktionen bestreiten.
Schulisch machte Siddhartha von 2001 bis 2003 gute Fortschritte. Es gelang ihm sich trotz seiner Behinderung in seine Schulklasse zu integrieren. Seine physische Entwicklung aber stagnierte. Seine Beine waren nicht kräftig genug um seinen Körper zu tragen und begannen bereits sich zu deformieren.
Auf eine Fest im Dezember 2003 für alle Patenkinder der „Siddhartha – Hilfe für Nepal“ konnte Siddhartha von einem deutschen Orthopädiemechaniker, Michael Rexing, eingehend untersucht werden. Gemeinsam beschlossen wir Siddhartha zu einer Hilfmittelversorgung, die so in Nepal nicht möglich ist, für 4 Wochen nach Deutschland einzuladen.
Im April / Mai kam Siddhartha mit seinem Vater Krishna Ram Shrestha finanziert durch die „Siddhartha-Hilfe für Nepal“ zu Besuch.
Es war für alle Beteiligten eine sehr intensive Zeit.
Für Siddhartha und seinen Vater waren es viele neue Eindrücke, eine wirklich fremde Kultur, häufige Standortwechsel innerhalb Deutschlands - Hamburg, Heidelberg, Leipzig – Reisen mit Zug und Auto, Krankenhaus und Untersuchungen, Ängste und Hoffnungen um eine eventuelle weitere Operation, anpassen der neuen Schienen und Schuhe, Physiotherapie, Laufübungen.
Michael Rexing und Belma Buchner ermöglichten die medizinischen Untersuchungen und entwarfen, fertigten und spendeten Siddhartha seine neuen Hilfsmittel.
Ein Höhepunkt für Siddhartha war der Besuch in der Paul Robeson Mittelschule. Seine Patenklasse hatte ein sehr liebevolles Programm für Siddhartha erstellte. Über diesen besonderen Tag und die Aktion „Schulpatenschaft“ berichtet die Klasse 8a und ein Schüler, der Siddhartha über den Tag begleitet hat selber.
Für Siddhartha war diese Zeit wie er selber immer wieder sagte, wie ein Traum:
Er sah zum ersten Mal das Meer, erlebte die große Herzlichkeit seiner Freunde in Leipzig, machte Bekanntschaft mit der deutschen Presse und bewunderte sich im
im Fernsehen. Vor allem aber erfuhr er, dass seine Behinderung hier keine Rolle spielt. Er wurde nicht ausgegrenzt sondern liebevoll integriert. Bei seinen Leipziger Freunden, bei fremden Kindern auf Spielplätzen und besonders im Spiel mit seinen Freundinnen Lea Mareike und Friederike.
Diese positiven Erlebnisse ließen ihn die medizinischen Untersuchungen leichter
Ertagen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren leider nicht erfreulich.
In der Universitätsklinik Mannheim wurde festgestellt, dass Siddharthas Wirbelsäule auch in der knöchernen Struktur von Geburt an missgebildet ist. Eine Korrektur seines starken „Buckels“ ist weder konservativ noch operativ möglich. Es bleibt die Gefahr der erneuten Rückenmarkskompression durch Wachstum der Wirbelsäule bestehen.
Beim Besuch von Siddhartha und seiner Familie im Sommer 2004 hatte Siddhartha einen großen Entwicklungssprung gemacht: er war gewachsen und lief mit seinen Stöcken und Schienen schon sehr sicher und selbständig auch weitere Strecken.
Er schien reifer und erwachsener. Auf die Frage, ob er denn mit mir wieder nach Deutschland fliegen würde antwortete er mit einem klaren NEIN. Nepal sei sein zu Hause. Nach kurzem Überlegen antwortete er dann verschmitzt, auf einen Besuch, ja, aber dauerhaft, Nein, da könne ich seinen Körper mitnehmen, aber seine Seele gehöre nach Nepal.


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