Sabine Dreemann über die Arbeit in den Distrikten
SAROJ

Als wir uns dem Wohnort des 11 jährigen Saroj Rai im District Dhankuta näherten, betrachteten mich die Nachbarsfrauen mit Neugier und verwickelten mich auch sogleich in ein Gespräch, eine Frau eilte schnellen Schrittes davon, als sie erkannte, wer wir waren.
Diese Frau war die Mutter von Saroj, und sie nutzte den Vorsprung, um den Jungen zumindest in einen halbwegs menschenwürdigen Zustand zu bringen. Ganz schaffte sie es nicht mehr, denn wir folgten ihr bald. Als wir die ärmliche Hütte der Familie betraten, wurden wir direkt zu Saroj geführt. Sein Anblick war erbärmlich. Die hohe Spannung der Beinmuskulatur zwingt ihn in eine Position, die selbstständige Bewegungen nahezu unmöglich macht. Sein Lager war in der dunkelsten Ecke der Hütte, und es drang kein Tageslicht zu ihm durch. Als ich mich auf seine Bettkante setzte, versuchte ich meine Gefühle zurückzuhalten, dieses arme Menschenkind vegetierte dort ohne jegliche Zuwendung. Das Essen schien ihm lieblos eingetrichtert zu werden, und um seine Sauberkeit kümmerte sich niemand. Ich bin mir sicher, dass bei uns Tiere besser behandelt werden...
Der Hausbesucher Mahendra erzählte uns hinterher die Geschichte von Saroj: bei einer normalen Geburt kam er als erstes Kind der Familie zur Welt. Als wenige Wochen alter Säugling bekam er plötzlich hohes Fieber und wurde bewusstlos. Danach erkannte man eine Entwicklungsverzögerung. Zunächst waren die Eltern noch motivier: daß das erstgeborene Kind ein Sohn ist, wird als grosser Segen angesehen. Sie versuchten seinen Zustand zu verbessern, sie hofften auf Heilung. Aber als sie feststellten, dass Saroj sich nicht normal entwickeln würde, verloren sie mehr und mehr das Interesse und es kamen noch 5 weitere, gesunde Kinder zur Welt, die die Zukunft der Familie sichern können. So widmen die Eltern ihre Aufmerksamkeit lieber diesen Kindern. Für Saroj bleibt keine Zeit. Es wäre in ihren Augen eine Fehlinvestition von Bemühungen. Er ist ja doch nur ein zusätzlicher „Mitesser“ und macht Arbeit, weil er nichts alleine kann.
Mahendra, der vor 2 Monaten mit der Familie in Kontakt kam, versuchte die Eltern von der Notwendigkeit der Fürsorge und Pflege, aber auch durch ein besseres Verstehen der Erkrankung und auch der Möglichkeiten von Saroj zur aktiven Zuwendung und Förderung zu überzeugen. Ich bin mir sicher, daß man das Leben von Saroj durchaus lebenswerter gestalten könnte, wenn die Eltern wieder motiviert und durch geschulteren Blick auch die wertvollen Seiten ihres Kindes sehen könnten.
Wie ich zu dieser Überzeugung komme? Als ich Saroj behandelt habe, da habe ich gemerkt, wie die Spannung aus seinen Muskeln gewichen ist und ich konnte seine Beine aus dieser fürchterlichen Beugung herausbewegen. Was ich gemacht habe? Ich habe ihm einfach Aufmerksamkeit geschenkt, und er konnte diese annehmen.
Auch wenn es nur ein kurze Moment war, in dem Saroj seine Spannung loslassen konnte, so war es doch eine wertvolle Erfahrung. Saroj kann nicht sprechen, trotzdem haben wir einen Dialog geführt. Er konnte sich auf das, was ich ihm gegeben habe, einlassen und hat dies auf die einzige, ihm mögliche Art gezeigt - durch Nachlassen der Spannung. Es ist nicht schwer, diese Sprache zu verstehen, und ich möchte mich engagieren diese Sprache des „tonischen Dialoges“ den Hausbesuchern zu vermitteln, damit sie diese dann voll Überzeugung an die Eltern weitergeben können und diese lernen, ihre Kinder besser zu verstehen. Durch dieses gegenseitige Verständnis könnten dann auch kleine Fortschritte erkannt werden und das Warten auf Wunder hätte ein Ende.
NIRAJAM

Nach einem einstündigen Marsch durch grünen Reisfelder unter der heißen Oktobersonne des Terrais, erreichen wir das abgelegene Bauernhaus, in dem Nirajam zu Hause ist. Seine Großmutter begrüßt uns und bringt uns auf den Balkon. Dort finden wir einen in eine Hängematte gequetschten Jungen vor, dessen Sicht bis auf einen kleinen Ausschnitt begrenzt ist. Aus diesem Spalt blicken uns zwei große Augen an. Wir befreien den Jungen aus seinem „Gefängnis“ und legen ihn auf den Boden. Der ganze Körper wird durch die hohe Muskelspannung in eine Beugehaltung gezwungen und macht ihn bewegungsunfähig. Es zerreißt mir fast das Herz. Nirajam ist nicht nur in seiner Hängematte gefangen, sondern auch in seinem Körper, und es wird ihm keine Möglichkeit geboten, den Reiz des Lebens mit seinen Sinnen zu erfahren.
Während der Schwangerschaft nahm Nirajams Mutter Medikamente, die sich schädlich auf das ungeborene Kind auswirkten. Nach der Hausgeburt, die normal verlief, erkannten die Eltern sofort , daß ihr Kind größer war als andere Babys, es war weißblau und hat nicht geschrien. Nirajam war dann sehr häufig krank. Seine Eltern leben mittlerweile nicht mehr in Nepal, sie haben das Land verlassen, um in arabischen Ländern ihr Glück zu suchen und haben ihr Kind bei den Großeltern zurückgelassen die es jetzt versorgt. Da in Nepal geglaubt wird, dass Behinderungen „Strafen der Götter“ sind, wurden unzählige Pujas und Zeremonien abgehalten, um die Götter zu besänftigen und Nirajam zu heilen. Die Götter halfen nicht. Aus Verzweiflung haben Nirajams Großeltern dem hinduistischen Glauben abgesagt und sind zum Christentum konvertiert. Nun beten sie ebenso verzweifelt einen anderen Gott an und warten auf ein Wunder .
Ich lausche dieser Geschichte, während ich dieses hilflose Wesen betrachte und bin mir sicher, daß Beten diesen Menschen dringend notwendige Hoffnung gibt und daß das sehr wichtig ist. Genauso sicher bin ich mir aber auch, daß dieses Kind mehr benötigt als Gebete. Würde Nirajam aktive Zuwendung und Förderung durch die Großeltern erfahren, dann könnten sie ihm dadurch die Tür zum Leben öffnen und ihn willkommen heißen.
Die wichtige Aufgabe der Hausbesucherin Kalpana besteht also darin, die Großeltern von der Wirksamkeit der eigenen Initiative zu überzeugen und ihnen den Weg zu zeigen...
....denn jeder Mensch kann, in dem ihm möglichen Rahmen, dazu beitragen das Leid der verzweifelten und hilflosen Menschen auf dieser Welt AKTIV zu vermindern. Manchmal fehlt dazu nur der zündende Funken und man muß sich seiner eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten bewußt werden, anstatt an „andere“ zu glauben.
Wir möchten mit der Unterstützung des „out-reach-programmes“ dazu beitragen dieses Feuer der Eigeninitiative in den Angehörigen zu entfachen.

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