Siddhartha - Hilfe für Nepal e.V. Weblog
Im Folgenden finden Sie einige frühere Berichte, die in diese Seite integriert wurden.
Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Arbeit!
Dieses Weblog liefert Ihnen aktuelle Informationen zur Arbeit des Vereins "Siddhartha - Hilfe für Nepal". Besuchen Sie auch unsere Homepage mit Informationen zu den Projekten, Aktivitäten und zur Geschichte des Vereins (www.siddhartha-nepalhilfe.de).

Das Kind Siddhartha, der eine Art Schlüsselfigur für den Anfang einiger unserer Projekte steht, der mit namensgebend für den Verein „Siddhartha – Hilfe für Nepal“ war, begleitet uns mit seinem Schicksal:
Im Herbst 2000 begegnete ich Siddhartha im „Technical Skill and Development Centre for the Blind and Disabled”. Seine Eltern kamen mit der Bitte um eine Schulmöglichkeit für ihren damals knapp 4-jährigen Sohn. Siddhartha litt an einem Tumor im Rückenmarkskanal der Wirbelsäule mit inkompletter Querschnittssymptomatik. Eine Einschulung war damals auch über die integrative Schule des „TSDCBD“ nicht zu denken, dafür konnte Siddhartha medizinisch geholfen werden.
Durch die erste Spendenaktion in Deutschland konnten in zwei Physiotherapie Praxen und einer Leipzig Realschule die finanziellen Mittel gesammelt werden.
Die äußerst schwierige Operation fand auf der neurochirurgischen Abteilung des
„Bir Hospitals“ in Kathmandu statt. Die Zeit vor der Operation war von vielen Tiefs durchsetzt: der Tumor in der Wirbelsäule des Kindes war seit der letzten Untersuchung stark gewachsen so dass die Operation zu einer großen technischen Schwierigkeit und zu einem großen Risiko wurde. Dennoch entschieden Eltern und Ärzte den Schritt zu wagen. Die Operation nicht zu wagen hätte bei einem nach oben wachsenden Tumor zu einer langsam zunehmende Lähmung bis hin zur Atemlähmung geführt und letztlich den Tod bedeutet. Die Operation im Frühjahr 2001 war ein Erfolg: der Tumor konnte vollständig entfernt werden.
Siddharthas großes Glück war, dass dieser „nur“ dem Rückenmark auflag und nicht in dieses infiltriert war. So war die gesamte Neurologie erhalten und die Hoffnung darauf, dass Siddhartha eines Tages wirklich zur Schule GEHEN kann groß. Begleitet von vielen guten Wünschen, Briefen und Teddies vor allem von den Kindern der Paul Robeson Mittelschule Leipzig verbrachte Siddhartha die Zeit im Krankenhaus. Ich selber betreute ihn in dieser Zeit physiotherapeutisch. Aus meinen Erfahrungen mit der fehlenden Physiotherapie auf dieser Station entstand die Idee PhysiotheraoeutInnen auf die neurochirurgische Abteilung des Bir Hospitals zu vermitteln.
Siddhartha konnte langsam mobilisiert werden. Er begann seine Beine zu bewegen und machte die ersten Stehversuche in einem selbstgebauten Stehtrainer.
Nach einigen Monaten des Übens, unglücklicherweise begleitet von einem Beinbruch, konnte sich Siddhartha mit Hilfe eines Gehbänckchens einige Meter alleine fortbewegen.
Im November 2001 wurde dann Siddharthas großer Traum von der Schule erfüllt!
Er wurde mit knapp 5 Jahren in die erste Vorschulklasse der „Suryodaya School“ in Maitidevi, Kathmandu eingeschult.
Das Schulsystem in Nepal basiert auf englischem Vorbild: es gibt 3 Vorschulklassen - nursery, lower kindergarten und upper kindergarten, erst dann geht es in die erste Klasse. Im Gegensatz zu Deutschland wird in dem sogenannte Kindergarten wirklich schulisches Wissen vermittelt – Nepalesisch und Englisch in Schrift und Sprache, Mathematik und Sachkunde.
Mit Siddharthas Einschulung entschlossen sich die Kinder der Paul Robeson Mittelschule in Leipzig, die Siddharthas Operation und Rekonvaleszenz mit großer Spannung und Interesse verfolgt hatten, eine Patenschaft für Siddhartha zu übernehmen und so seine schulische Ausbildung zu sichern.
Eine damals fünfte, inzwischen achte Klasse übernahm die Verantwortung des Projektes, hielt den Kontakt zur „Siddhartha – Hilfe für Nepal“ und zu Siddhartha selber und organisierte, dass jeden Monat eine andere Klasse der Schule für Siddharthas Schulgebühren aufkam. Die Aktionen sind vielfältig: Bazare werden organisiert, Kuchen gebacken, Theaterstücke aufgeführt.
Für die Leipziger Kinder ein sehr besonderes Projekt das sie teilhaben lässt an einer anderen, sehr fremden Kultur und an dem Schicksal eines kleinen Jungen.
Und auch für Siddhartha und seine Familie ein sehr besonderer Kontakt: sie erfahren das Interesse und Engagement von Kindern, die in einer anderen Welt zu Hause sind, die Siddharthas Schulgebühr nicht aus einem reich gefüllten Geldbeutel sondern von ihrem knappen Taschengeld bzw. durch kreative Aktionen bestreiten.
Schulisch machte Siddhartha von 2001 bis 2003 gute Fortschritte. Es gelang ihm sich trotz seiner Behinderung in seine Schulklasse zu integrieren. Seine physische Entwicklung aber stagnierte. Seine Beine waren nicht kräftig genug um seinen Körper zu tragen und begannen bereits sich zu deformieren.
Auf eine Fest im Dezember 2003 für alle Patenkinder der „Siddhartha – Hilfe für Nepal“ konnte Siddhartha von einem deutschen Orthopädiemechaniker, Michael Rexing, eingehend untersucht werden. Gemeinsam beschlossen wir Siddhartha zu einer Hilfmittelversorgung, die so in Nepal nicht möglich ist, für 4 Wochen nach Deutschland einzuladen.
Im April / Mai kam Siddhartha mit seinem Vater Krishna Ram Shrestha finanziert durch die „Siddhartha-Hilfe für Nepal“ zu Besuch.
Es war für alle Beteiligten eine sehr intensive Zeit.
Für Siddhartha und seinen Vater waren es viele neue Eindrücke, eine wirklich fremde Kultur, häufige Standortwechsel innerhalb Deutschlands - Hamburg, Heidelberg, Leipzig – Reisen mit Zug und Auto, Krankenhaus und Untersuchungen, Ängste und Hoffnungen um eine eventuelle weitere Operation, anpassen der neuen Schienen und Schuhe, Physiotherapie, Laufübungen.
Michael Rexing und Belma Buchner ermöglichten die medizinischen Untersuchungen und entwarfen, fertigten und spendeten Siddhartha seine neuen Hilfsmittel.
Ein Höhepunkt für Siddhartha war der Besuch in der Paul Robeson Mittelschule. Seine Patenklasse hatte ein sehr liebevolles Programm für Siddhartha erstellte. Über diesen besonderen Tag und die Aktion „Schulpatenschaft“ berichtet die Klasse 8a und ein Schüler, der Siddhartha über den Tag begleitet hat selber.
Für Siddhartha war diese Zeit wie er selber immer wieder sagte, wie ein Traum:
Er sah zum ersten Mal das Meer, erlebte die große Herzlichkeit seiner Freunde in Leipzig, machte Bekanntschaft mit der deutschen Presse und bewunderte sich im
im Fernsehen. Vor allem aber erfuhr er, dass seine Behinderung hier keine Rolle spielt. Er wurde nicht ausgegrenzt sondern liebevoll integriert. Bei seinen Leipziger Freunden, bei fremden Kindern auf Spielplätzen und besonders im Spiel mit seinen Freundinnen Lea Mareike und Friederike.
Diese positiven Erlebnisse ließen ihn die medizinischen Untersuchungen leichter
Ertagen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren leider nicht erfreulich.
In der Universitätsklinik Mannheim wurde festgestellt, dass Siddharthas Wirbelsäule auch in der knöchernen Struktur von Geburt an missgebildet ist. Eine Korrektur seines starken „Buckels“ ist weder konservativ noch operativ möglich. Es bleibt die Gefahr der erneuten Rückenmarkskompression durch Wachstum der Wirbelsäule bestehen.
Beim Besuch von Siddhartha und seiner Familie im Sommer 2004 hatte Siddhartha einen großen Entwicklungssprung gemacht: er war gewachsen und lief mit seinen Stöcken und Schienen schon sehr sicher und selbständig auch weitere Strecken.
Er schien reifer und erwachsener. Auf die Frage, ob er denn mit mir wieder nach Deutschland fliegen würde antwortete er mit einem klaren NEIN. Nepal sei sein zu Hause. Nach kurzem Überlegen antwortete er dann verschmitzt, auf einen Besuch, ja, aber dauerhaft, Nein, da könne ich seinen Körper mitnehmen, aber seine Seele gehöre nach Nepal.


Als wir uns dem Wohnort des 11 jährigen Saroj Rai im District Dhankuta näherten, betrachteten mich die Nachbarsfrauen mit Neugier und verwickelten mich auch sogleich in ein Gespräch, eine Frau eilte schnellen Schrittes davon, als sie erkannte, wer wir waren.
Diese Frau war die Mutter von Saroj, und sie nutzte den Vorsprung, um den Jungen zumindest in einen halbwegs menschenwürdigen Zustand zu bringen. Ganz schaffte sie es nicht mehr, denn wir folgten ihr bald. Als wir die ärmliche Hütte der Familie betraten, wurden wir direkt zu Saroj geführt. Sein Anblick war erbärmlich. Die hohe Spannung der Beinmuskulatur zwingt ihn in eine Position, die selbstständige Bewegungen nahezu unmöglich macht. Sein Lager war in der dunkelsten Ecke der Hütte, und es drang kein Tageslicht zu ihm durch. Als ich mich auf seine Bettkante setzte, versuchte ich meine Gefühle zurückzuhalten, dieses arme Menschenkind vegetierte dort ohne jegliche Zuwendung. Das Essen schien ihm lieblos eingetrichtert zu werden, und um seine Sauberkeit kümmerte sich niemand. Ich bin mir sicher, dass bei uns Tiere besser behandelt werden...
Der Hausbesucher Mahendra erzählte uns hinterher die Geschichte von Saroj: bei einer normalen Geburt kam er als erstes Kind der Familie zur Welt. Als wenige Wochen alter Säugling bekam er plötzlich hohes Fieber und wurde bewusstlos. Danach erkannte man eine Entwicklungsverzögerung. Zunächst waren die Eltern noch motivier: daß das erstgeborene Kind ein Sohn ist, wird als grosser Segen angesehen. Sie versuchten seinen Zustand zu verbessern, sie hofften auf Heilung. Aber als sie feststellten, dass Saroj sich nicht normal entwickeln würde, verloren sie mehr und mehr das Interesse und es kamen noch 5 weitere, gesunde Kinder zur Welt, die die Zukunft der Familie sichern können. So widmen die Eltern ihre Aufmerksamkeit lieber diesen Kindern. Für Saroj bleibt keine Zeit. Es wäre in ihren Augen eine Fehlinvestition von Bemühungen. Er ist ja doch nur ein zusätzlicher „Mitesser“ und macht Arbeit, weil er nichts alleine kann.
Mahendra, der vor 2 Monaten mit der Familie in Kontakt kam, versuchte die Eltern von der Notwendigkeit der Fürsorge und Pflege, aber auch durch ein besseres Verstehen der Erkrankung und auch der Möglichkeiten von Saroj zur aktiven Zuwendung und Förderung zu überzeugen. Ich bin mir sicher, daß man das Leben von Saroj durchaus lebenswerter gestalten könnte, wenn die Eltern wieder motiviert und durch geschulteren Blick auch die wertvollen Seiten ihres Kindes sehen könnten.
Wie ich zu dieser Überzeugung komme? Als ich Saroj behandelt habe, da habe ich gemerkt, wie die Spannung aus seinen Muskeln gewichen ist und ich konnte seine Beine aus dieser fürchterlichen Beugung herausbewegen. Was ich gemacht habe? Ich habe ihm einfach Aufmerksamkeit geschenkt, und er konnte diese annehmen.
Auch wenn es nur ein kurze Moment war, in dem Saroj seine Spannung loslassen konnte, so war es doch eine wertvolle Erfahrung. Saroj kann nicht sprechen, trotzdem haben wir einen Dialog geführt. Er konnte sich auf das, was ich ihm gegeben habe, einlassen und hat dies auf die einzige, ihm mögliche Art gezeigt - durch Nachlassen der Spannung. Es ist nicht schwer, diese Sprache zu verstehen, und ich möchte mich engagieren diese Sprache des „tonischen Dialoges“ den Hausbesuchern zu vermitteln, damit sie diese dann voll Überzeugung an die Eltern weitergeben können und diese lernen, ihre Kinder besser zu verstehen. Durch dieses gegenseitige Verständnis könnten dann auch kleine Fortschritte erkannt werden und das Warten auf Wunder hätte ein Ende.
NIRAJAM

Nach einem einstündigen Marsch durch grünen Reisfelder unter der heißen Oktobersonne des Terrais, erreichen wir das abgelegene Bauernhaus, in dem Nirajam zu Hause ist. Seine Großmutter begrüßt uns und bringt uns auf den Balkon. Dort finden wir einen in eine Hängematte gequetschten Jungen vor, dessen Sicht bis auf einen kleinen Ausschnitt begrenzt ist. Aus diesem Spalt blicken uns zwei große Augen an. Wir befreien den Jungen aus seinem „Gefängnis“ und legen ihn auf den Boden. Der ganze Körper wird durch die hohe Muskelspannung in eine Beugehaltung gezwungen und macht ihn bewegungsunfähig. Es zerreißt mir fast das Herz. Nirajam ist nicht nur in seiner Hängematte gefangen, sondern auch in seinem Körper, und es wird ihm keine Möglichkeit geboten, den Reiz des Lebens mit seinen Sinnen zu erfahren.
Während der Schwangerschaft nahm Nirajams Mutter Medikamente, die sich schädlich auf das ungeborene Kind auswirkten. Nach der Hausgeburt, die normal verlief, erkannten die Eltern sofort , daß ihr Kind größer war als andere Babys, es war weißblau und hat nicht geschrien. Nirajam war dann sehr häufig krank. Seine Eltern leben mittlerweile nicht mehr in Nepal, sie haben das Land verlassen, um in arabischen Ländern ihr Glück zu suchen und haben ihr Kind bei den Großeltern zurückgelassen die es jetzt versorgt. Da in Nepal geglaubt wird, dass Behinderungen „Strafen der Götter“ sind, wurden unzählige Pujas und Zeremonien abgehalten, um die Götter zu besänftigen und Nirajam zu heilen. Die Götter halfen nicht. Aus Verzweiflung haben Nirajams Großeltern dem hinduistischen Glauben abgesagt und sind zum Christentum konvertiert. Nun beten sie ebenso verzweifelt einen anderen Gott an und warten auf ein Wunder .
Ich lausche dieser Geschichte, während ich dieses hilflose Wesen betrachte und bin mir sicher, daß Beten diesen Menschen dringend notwendige Hoffnung gibt und daß das sehr wichtig ist. Genauso sicher bin ich mir aber auch, daß dieses Kind mehr benötigt als Gebete. Würde Nirajam aktive Zuwendung und Förderung durch die Großeltern erfahren, dann könnten sie ihm dadurch die Tür zum Leben öffnen und ihn willkommen heißen.
Die wichtige Aufgabe der Hausbesucherin Kalpana besteht also darin, die Großeltern von der Wirksamkeit der eigenen Initiative zu überzeugen und ihnen den Weg zu zeigen...
....denn jeder Mensch kann, in dem ihm möglichen Rahmen, dazu beitragen das Leid der verzweifelten und hilflosen Menschen auf dieser Welt AKTIV zu vermindern. Manchmal fehlt dazu nur der zündende Funken und man muß sich seiner eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten bewußt werden, anstatt an „andere“ zu glauben.
Wir möchten mit der Unterstützung des „out-reach-programmes“ dazu beitragen dieses Feuer der Eigeninitiative in den Angehörigen zu entfachen.




